Mamas jüngerer Bruder kümmerte sich in den vergangenen Jahren hauptsächlich um den ältesten Bruder der Geschwister und dessen Ehefrau. Er wollte etwas zurückgeben, denn meine Eltern hatten jahrelang meine Oma – also ihre Mutter – aufgenommen, versorgt und sich bis zu ihrem Tod um sie gekümmert.
Eine Selbstverständlichkeit innerhalb einer Familie, die jedoch – das wird mir immer bewusster – längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
Papa begleitete Mamas jüngeren Bruder, als dieser seinen ältesten Bruder und dessen Ehefrau in ein Pflegezentrum brachte.
Meine Mutter mochte sich die Aufnahme ihres Bruders dort ersparen.
Zu schrecklich war der Gedanke, den geliebten Bruder an so eine Einrichtung zu verlieren, ihn nicht mehr sofort greifbar in der Nähe zu haben und ihn bei Bedarf unterstützen zu können.
Der Bruder und seine Ehefrau – nennen wir es einmal so – hatten sich über die Jahre ein Stück weit vom Leben ausgesperrt. Das führte dazu, dass sie sich im Alltag nicht mehr ohne Gefahr für sich selbst oder andere versorgen konnten.
Wohlgemerkt nicht aufgrund aggressiven oder bösartigen Verhaltens.
Die Tochter war beim Check-in im Pflegezentrum ebenfalls dabei, spielte dort jedoch eher eine untergeordnete Rolle.
Nachdem Onkel & Tante ihr Zimmer bezogen hatten – großzügig geschnitten, mit einer Dusche, die auch mit dem Rollstuhl befahren werden kann, und zwei Einzelbetten – baten die neuen Bewohner meinen Vater, den Fernseher anzuschließen. Doch Papa erklärte gleich, dass er im Pflegezentrum nicht einfach Löcher in die Wand bohren könne.
An diesem ersten Tag müssten sie daher noch ohne Fernsehen auskommen.
Bereits am zweiten Tag würde sich der Haustechniker um den Fernseher und weitere Anliegen kümmern.
Danach ging es für Mamas ältesten Bruder und dessen Ehefrau zur Untersuchung und anschließend direkt in den Speisesaal zum Essen – was beide laut Vater als sehr gut bezeichneten.
Mama war an diesem Montag schon etwas von der Rolle.
Wer will es ihr verdenken?
Ich kochte und briet Bratwürste in der Pfanne. Wann ich zuletzt an der Pfanne stand? Das ist schon eine Weile her.
Währenddessen kümmerte sich Mama um das Gemüse.
Doch zwischendurch war sie sich bei einzelnen Arbeitsschritten kaum noch sicher.
Eine Frau, die seit über 50 Jahren verheiratet ist, die alle Gerichte tausendmal gekocht hat – wahrscheinlich sogar in unzähligen Varianten.
Und doch fielen ihr an diesem Tag einige, vor allem ganz einfache Dinge nicht mehr ein.
Das war für mich einfach der Schock darüber, den Bruder aus der unmittelbaren Nähe verloren zu haben.
Glauben wollte sie mir das allerdings nicht.
Zum Glück fing sich Mama im Laufe des Nachmittags wieder.
Ich hoffe für meinen Onkel und meine Tante, dass sie dort im Pflegezentrum wieder etwas mehr am Leben teilnehmen und ein Stück zurückkehren.
Auf meine Eltern werde ich – und das ist gewiss – in Zukunft noch mehr aufpassen und versuchen, hilfreich zu sein.
Das Einzige, was ich bei beiden weiß, sie werden sich nicht vom Leben aussperren lassen.
Und allein dieser Gedanke beruhigt mich schon sehr.
Passt gut auf euch auf und seid nett zueinander, wer auch immer ihr seid!?