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„Fluchtberaubend“

John Baker Sander
14. Juli 2026(bearbeitet)
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Sie sprang ausgesprochen aufgedreht auf und ab, lief aufgeregt hin und her, rannte im Kreis und versuchte dann erneut, nach einem langen Anlauf einen Sprung, um sich irgendwo an einer glatten Schachtkante festzukrallen.

Es schien schon so, als würde sie es diesmal schaffen, den Absatz zu erreichen, um von dort hochzuklettern, doch erneut gab es eine Bruchlandung auf dem harten Boden.

Sie war aufgeregt, und man merkte, wie sie mit jedem Sprungversuch verständlicherweise mehr und mehr ihre Kräfte verlor.

Auch beim Festkrallen an der Wand kam sie bei jedem Versuch zunächst etwas höher, bevor sie doch wieder an den glatten Wänden den Halt verlor, sanft abrutschte und im Staub landete.

Ich beobachtete ihre Fluchtversuche durchaus interessiert durch das Fenster an Vaters Arbeitsplatz, während ich Bilder einer Hochzeit bearbeitete.

Erst fand ich sie sehr niedlich. Dann, als sie sich so gegen das Fenster drückte, kurz etwas eklig. Und als ich sah, wie sie kämpfte, um ihrem Verlies zu entkommen und ihr Leben zu behalten, wirkte sie plötzlich ganz schön mutig und wiederum niedlich.

Ach so, keine Sorge. Ich halte natürlich niemanden illegal fest.

Ich schreibe von einer Maus.

Sie war offensichtlich etwa einen halben Meter durch das Schutzgitter gefallen und in einem kleinen Schacht direkt vor Papas geschlossenem Arbeitsplatzfenster gelandet.

Anfangs erschrak ich ziemlich, als ich etwas Hellgraues durch die Luft segeln sah.

Noch mehr allerdings, als sich die Maus unerwartet auf die Hinterbeine stellte, ihren kleinen Körper gegen das Fenster presste, daran entlanglief und mich durch die Scheibe hilfesuchend ansah. Fast so, als wollte sie sagen:

„Hey du, hilf mir doch bitte hier heraus.“

Eine Maus, die ziemlich groß war und doch nicht groß genug für die Flucht.


Warten wollte Frau Maus jedenfalls nicht.

Woraus ich schließe, dass es eine Frau Maus war?

Sie wirkte ungeduldiger. Und das Hilfsgesuch, das über den Blickkontakt funktionierte - von meinen trüben, quadratischen Bildschirmaugen zu ihren glänzenden Knopfaugen - gab es vermutlich nur, weil es gar nicht anders möglich war. Nicht, weil sie sich helfen lassen wollte, sondern weil sie es musste.

Ich konnte anfangs gar nicht wegsehen. Fasziniert beobachtete ich, wie das Tier immer wieder versuchte, dem Schacht - ihrer persönlichen Riesenmausefalle - zu entkommen. Jedes Mal hatte die Mäusin einen neuen Plan.

Zunächst dachte ich, irgendwo würde eine meiner Stoppuhren liegen und der Alarm sei nicht ausgeschaltet.
Bestimmt eine Minute lang suchte ich die blöde Stoppuhr. Bis mir klar wurde, das ist gar keine Stoppuhr, das ist die Maus.

Und wenn die so wild piepst und fiept, dann ist es wohl höchste Eisenbahn, doch irgendetwas in Sachen Rettung zu unternehmen.

Ich sagte Vater Bescheid.
Der wollte dem Tier natürlich ebenfalls helfen und hatte außerdem wenig Lust darauf, irgendwann bei Säuberungsarbeiten eine Mäuseleiche im Schacht zu finden.


Gemeinsam nahmen wir das Schachtgitter ab.
Die Maus verkroch sich zunächst in eine Ecke. Dann kam sie, wie ein Boxer, der unfreiwillig noch eine Runde absolvieren muss, wieder hervor. Sie schaute zu uns Menschlein nach oben, als wollte sie fragen: „Freund oder Feind, was jetzt?“

Papa holte einen langen Holzstecken aus der Garage und legte ihn quer in den Schacht.

Die schlaue Maus begriff sofort, dass dieser Holzstecken ihr Taxi in die Freiheit war.
Schneller, als ich je irgendeinen Nager hatte laufen sehen, balancierte sie den Stecken entlang.

Anschließend blieb sie kurz auf dem Rasen sitzen, als müsse sie die vergangenen Minuten – oder vielleicht sogar Stunden – ihrer Gefangenschaft erst einmal verarbeiten.


Dann schaute „Mausi Gonzales“ noch einmal unsicher zu uns zurück, streckte ihre Pfötchen in unsere Richtung, als wollte sie sagen:  „Danke.“
Oder, was ich viel eher vermute: „Hätte ich so einen langen Stecken gehabt, hätte ich mich auch ganz ohne euren Rettungseinsatz befreien können. Ätsch!“

Dann sauste „Mausi Gonzales“ durch den Gartenzaun in Nachbars Garten davon.

Ich bin ja überzeugt, dass genau diese Mäusin eine Cousine von „Speedy Gonzales“, „der schnellsten Maus von Mexiko“, ist.
Falls diesen Mäuserich überhaupt noch irgendjemand kennt?


Anders kann es bei dieser fluchtberaubenden Mäusegeschwindigkeit eigentlich gar nicht sein.




Passt gut auf euch auf und seid nett zueinander, wer immer ihr auch seid!?

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