Sie sprang ausgesprochen aufgedreht auf und ab, lief aufgeregt hin und her, rannte im Kreis und versuchte dann erneut, nach einem langen Anlauf einen Sprung, um sich irgendwo an einer glatten Schachtkante festzukrallen.
Es schien
schon so, als würde sie es diesmal schaffen, den Absatz zu erreichen, um von
dort hochzuklettern, doch erneut gab es eine Bruchlandung auf dem harten Boden.
Sie war aufgeregt, und man merkte, wie sie mit jedem Sprungversuch verständlicherweise mehr und mehr ihre Kräfte verlor.
Auch beim
Festkrallen an der Wand kam sie bei jedem Versuch zunächst etwas höher, bevor
sie doch wieder an den glatten Wänden den Halt verlor, sanft abrutschte und im
Staub landete.
Ich
beobachtete ihre Fluchtversuche durchaus interessiert durch das Fenster an
Vaters Arbeitsplatz, während ich Bilder einer Hochzeit bearbeitete.
Erst fand ich
sie sehr niedlich. Dann, als sie sich so gegen das Fenster drückte, kurz etwas
eklig. Und als ich sah, wie sie kämpfte, um ihrem Verlies zu entkommen und ihr
Leben zu behalten, wirkte sie plötzlich ganz schön mutig und wiederum
niedlich.
Ach so, keine Sorge. Ich halte natürlich niemanden illegal fest.
Ich schreibe
von einer Maus.
Sie war
offensichtlich etwa einen halben Meter durch das Schutzgitter gefallen und in
einem kleinen Schacht direkt vor Papas geschlossenem Arbeitsplatzfenster
gelandet.
Anfangs erschrak ich ziemlich, als ich etwas Hellgraues durch die Luft segeln sah.
Noch mehr allerdings, als sich die Maus unerwartet auf die Hinterbeine stellte, ihren kleinen Körper gegen das Fenster presste, daran entlanglief und mich durch die Scheibe hilfesuchend ansah. Fast so, als wollte sie sagen:
„Hey du, hilf mir doch bitte hier heraus.“
Eine Maus, die ziemlich groß war und doch nicht groß genug für die Flucht.
Warten wollte
Frau Maus jedenfalls nicht.
Woraus ich schließe, dass es eine Frau Maus war?
Sie wirkte
ungeduldiger. Und das Hilfsgesuch, das über den Blickkontakt funktionierte -
von meinen trüben, quadratischen Bildschirmaugen zu ihren glänzenden Knopfaugen
- gab es vermutlich nur, weil es gar nicht anders möglich war. Nicht, weil sie
sich helfen lassen wollte, sondern weil sie es musste.
Ich konnte
anfangs gar nicht wegsehen. Fasziniert beobachtete ich, wie das Tier immer
wieder versuchte, dem Schacht - ihrer persönlichen Riesenmausefalle - zu
entkommen. Jedes Mal hatte die Mäusin einen neuen Plan.
Zunächst
dachte ich, irgendwo würde eine meiner Stoppuhren liegen und der Alarm sei
nicht ausgeschaltet.
Bestimmt eine Minute lang suchte ich die blöde Stoppuhr. Bis mir klar wurde, das
ist gar keine Stoppuhr, das ist die Maus.
Und wenn die
so wild piepst und fiept, dann ist es wohl höchste Eisenbahn, doch irgendetwas
in Sachen Rettung zu unternehmen.
Ich sagte
Vater Bescheid.
Der wollte dem Tier natürlich ebenfalls helfen und hatte außerdem wenig Lust
darauf, irgendwann bei Säuberungsarbeiten eine Mäuseleiche im Schacht zu
finden.
Gemeinsam
nahmen wir das Schachtgitter ab.
Die Maus verkroch sich zunächst in eine Ecke. Dann kam sie, wie ein Boxer, der
unfreiwillig noch eine Runde absolvieren muss, wieder hervor. Sie schaute zu
uns Menschlein nach oben, als wollte sie fragen: „Freund oder Feind, was
jetzt?“
Papa holte
einen langen Holzstecken aus der Garage und legte ihn quer in den Schacht.
Die schlaue Maus begriff sofort, dass dieser Holzstecken ihr Taxi in die
Freiheit war.
Schneller, als ich je irgendeinen Nager hatte laufen sehen, balancierte sie den
Stecken entlang.
Anschließend blieb sie kurz auf dem Rasen sitzen, als müsse sie die vergangenen Minuten – oder vielleicht sogar Stunden – ihrer Gefangenschaft erst einmal verarbeiten.
Dann schaute
„Mausi Gonzales“ noch einmal unsicher zu uns zurück, streckte ihre Pfötchen in
unsere Richtung, als wollte sie sagen: „Danke.“
Oder, was ich viel eher vermute: „Hätte ich so einen langen Stecken gehabt,
hätte ich mich auch ganz ohne euren Rettungseinsatz befreien können. Ätsch!“
Dann sauste
„Mausi Gonzales“ durch den Gartenzaun in Nachbars Garten davon.
Ich bin ja
überzeugt, dass genau diese Mäusin eine Cousine von „Speedy Gonzales“, „der
schnellsten Maus von Mexiko“, ist.
Falls diesen Mäuserich überhaupt noch irgendjemand kennt?
Anders kann
es bei dieser fluchtberaubenden Mäusegeschwindigkeit eigentlich gar nicht sein.
Passt gut auf euch auf und seid nett zueinander, wer immer ihr auch seid!?
